Vom Edeljoker zum Assistenzcaptain

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Raphael Schlattinger spielt als einziger Schweizer überhaupt in der deutschen Bundesliga. Ein Wechsel, der sich bezahlt gemacht hat, denn mittlerweile gehört der 26-jährige Angreifer aus Dozwil auch in der Schweizer Nationalmannschaft zu den wichtigsten Spielern.  

raphael schlattinger 2Faustballer, die für ein Team ausserhalb ihres Heimatlandes spielen, sind äusserst selten. Was im Fussball und vielen anderen Teamsportarten gang und gäbe ist, ist im Faustballsport eine Besonderheit. Der Hauptgrund dafür ist, dass mit Faustball kein Geld zu verdienen ist, weder in der Schweiz, noch im Ausland. Entsprechend gross ist der Aufwand, den man auf sich nimmt, wenn man sich trotzdem entscheidet, den Sprung ins Ausland zu wagen.

Raphael Schlattinger hat sich auf dieses Abenteuer eingelassen. Der 26-Jährige spielt in der deutschen Bundesliga. Als einziger Schweizer überhaupt. Doch der Angreifer spielt nicht einfach nur mit. Er gehört zu den prägenden Figuren der deutschen Liga. Innerhalb von drei Jahren schaffte er das Kunststück, den TSV Calw sowohl in der Halle als auch auf dem Feld als Hauptschläger aus der 2. Bundesliga in die oberste Spielklasse zu schiessen. In einem Team, in dem er mit seinen damals 24 Jahren der Zweitälteste war.

Verantwortung übernommen

In der Zwischenzeit hat sich Calw als feste Grösse in der höchsten Spielklasse im Land des amtierenden Weltmeisters etabliert. Im letzten Jahr gewann Schlattinger mit seinem Team gar die Bronzemedaille. Als Hauptangreifer und Leistungsträger seines Teams trug er einen grossen Anteil an diesem Erfolg. «Die Bronzemedaille zu gewinnen, war absolut genial», blickt Raphael Schlattinger zurück. «Ich bereue es überhaupt nicht, dass ich den Wechsel nach Deutschland gewagt habe. Ich erhielt dort genau die Chance, die ich gebraucht habe, um mich weiterzuentwickeln. Ich durfte in einer jungen Mannschaft die Verantwortung übernehmen.»raphael schlattinger 3

Vor seinem Wechsel nach Calw spielte Schlattinger, der schweizweit zu den besten Nachwuchsspielern gehörte und sowohl in der U18 als auch in der U21 den Europameistertitel gewonnen hatte, in Diepoldsau. Doch im Team der Rheininsler war er im Angriff zumeist nur die Nummer drei und erhielt daher kaum Spielzeit. Und das obwohl er bereits damals Teil der Schweizer Nationalmannschaft war. Doch das galt auch für seine beiden Teamkollegen und Konkurrenten im Angriff: die Brüder Christian und Lukas Lässer.

Gut aufgenommen worden

«Für mich war klar, dass ich den Verein wechseln musste, um den nächsten Schritt zu machen», so Schlattinger. «Ich hätte ohne weiteres in der Schweiz bleiben können, denn ich hatte genügend Angebote. Doch ich wollte etwas ganz anderes ausprobieren.» Da kam das Angebot aus Calw genau richtig. Von Dozwil, wo er aufgewachsen war, zog er ins 200 Kilometer entfernte Calw zu seiner Freundin. «Meine Familie und meine Freunde zurückzulassen, war nicht leicht. Aber der Verein hat mich super aufgenommen und sich sehr gut um mich gekümmert. Sie haben mir auch einen Job besorgt», so Schlattinger, der als Zimmermann arbeitet. 

Von seinem Wechsel nach Deutschland, wo sich Raphael Schlattinger zu einem der besten Angreifer der Welt entwickelt hat, profitiert auch die Schweiz. Denn mittlerweile hat er auch in der Nationalmannschaft den Schritt vom Edeljoker zum Leistungsträger gemacht. Seit kurzem ist er einer von zwei Assistenzcaptains im Kreis der Schweizer Nationalmannschaft. Eine Anerkennung für die grossen Fortschritte, die Schlattinger in den letzten drei Jahren gemacht hat.

Vorfreude auf die WM

Das sieht auch der Schweizer Nationaltrainer Oliver Lang so. «Er hat in Calw einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und sich nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch weiterentwickelt», so Lang. «Für uns ist er ein enorm wichtiger Spieler. Er ist einer der weltbesten Linkshänder im Angriff und vielleicht sogar der Angreifer, der in der Defensive von allen der stärkste ist.»raphael schlattinger 4

Diese Qualitäten sind für die Schweizer insbesondere an der Heim-WM in Winterthur, die in knapp zwei Wochen beginnt, enorm wichtig. Dann nämlich wollen die Schweizer das fast Unmögliche möglich machen: Welt- und Europameister Deutschland bezwingen und den WM-Titel erstmals in die Schweiz holen. Ein äusserst ambitioniertes Ziel, aber vielleicht sind die Tipps von Raphael Schlattinger am Ende das entscheidende Zünglein an der Waage. Schliesslich spielt er praktisch jedes Wochenende gegen die Nationalspieler des Erzrivalen aus Deutschland. «Ich kenne die deutschen Spieler sicher besser als meine Teamkollegen in der Nati. Da versuche ich natürlich den einen oder anderen Tipp zu geben», so Schlattinger, der sich auf die Heim-WM in Winterthur freut. «Es wird auch in Deutschland schon sehr viel über die WM geredet. Alle freuen sich darauf. Ich natürlich auch. Es wird die grösste WM aller Zeiten und wenn wir in Winterthur vor so vielen Zuschauern spielen können, ist das absolut genial.»